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Archive for Oktober, 2012

Ganz im Jetzt – Vergessen, was gestern zu tun war und was es morgen deshalb wieder für n Ärger gibt

30 Okt

Mit einer Freundin unterhielt ich mich vor geraumer Zeit darüber, wie das so ist, wenn man von ehemaligen Schulkameraden oder Schul-AG-Kolleginnen erfährt, was die so machen und dass die manchmal ganz schön erfolgreich und zum Teil auch bekannt damit geworden sind. Das ist ja immer so ein bisschen unbequem, weil es doch schwierig ist, sich so gänzlich von jedem Neid freizumachen, wenn die anderen so unglaublich erfolgreich sind obwohl man doch mal nebeneinander an der Startlinie losgelaufen ist, um ein mühsames Bild zu benutzen. Ja, und wenn man dann schon über den einen oder die andere plaudert, dann fallen einem noch all die anderen ein, von deren steiler Karriere man irgendwann erfuhr, die dann am besten zusätzlich noch eine glückliche Beziehung mit einem interessanten, gutaussehenden Menschen haben und mehrere Kinder großziehen und natürlich auch einen großen Freundeskreis haben und nebenher noch vielfältige Interessen und so…

Ich erinnerte diese Freundin daran, dass zwar sein mag, dass diese Menschen so eine beispiellose Karriere (naja, so beispiellos kann das eigentlich immer gar nicht sein mit den Karrieren, zumindest fallen einem bei so ‘nem Gespräch immer recht viele Beispiele ein…) hingelegt haben, dass sie aber neulich angab, sie habe beim langjährigen Reisen einen besonders bemerkenswerten Effekt gefunden: Sie hat gelernt, im Moment zu leben und jegliche Ambitionen zu verlieren.

Das ist jetzt also die Frage, welcher Logik man da folgt: Im Jetzt leben und nichts planen versus Karriereplanung.

Es folgt ein Versuch, mir einen Überblick zu verschaffen über die Möglichkeit, nichts zu planen: Welche Vorbilder haben junge Menschen für diese Art von Lebenswandel, ist das erstrebendwert, welchen Tätigkeiten geht man am besten nach und was ist unbedingt zu vermeiden? Hier ein kleiner Überblick:

Idole (sind meist cool und haben was mit Kunst zu tun):

  • Amy Winehouse („Try to make me go to Rehab and I say: no, no, no“)
  • Ruth Zaporah (Action Theater: „I have planned nothing and that kept me very busy“)
  • Bobby Mc Ferrin („Don’t worry, be happy“)
  • Janis Joplin („Freedom’s just another word for nothing left to loose“)
  • Goethe (?)

Anhänger:

  • Esoteriker
  • Mönche diverser religiöser Ausrichtungen
  • Punks
  • LangzeitstudentInnen
  • Kleinkinder
  • Hunde
  • diverse andere Tiere

mögliche Berufe/Möglichkeiten im Lebenswandel:

  • Langzeitarbeitslose
  • in Höhlen sitzend meditieren, gerne in warmen Ländern
  • In der Fußgängerzone sitzenKunst machen in der Wildnis leben und sich selbst ernähren
  • in Berliner Cafes sitzen und Kaffee trinken und Leute kennenlernen (ersatzweise an Bushaltestellen, vor Kiosken und Trinkhallen oder auf Spielplätzen)
  • Kinder kriegen und einfach alles nachmachen, was die machen (gibt aber irgendwann Ärger)
  • in der Psychiatrie wohnen und sich mit dortigen Therapien und Gruppenangeboten beschäftigen

Nicht so passend dazu ist:

  • Beamter oder Bänkerin werden
  • Doch dabei Karriere machen wollen
  • kein Geld haben und niemand kennen, der einem dauerhaft welches geben würde
  • Kapitalismus eine ganz gute Sache finden
  • Bundeskanzlerin sein

Klingt doch gar nicht so schlecht. Vielleicht versuche ich es mal eine Weile. Wenn ich erfolgreich sein sollte, biete ich demnächst Seminare an mit Titeln wie

  • Ganz im Jetzt (vergessen, was gestern zu tun war und was es morgen deshalb wieder für ‘n Ärger gibt)
  • Erfolglos glücklich
  • Der sichere Weg in die Aussichtlslosigkeit
  • Planlos ins Morgen
  • Ambitionen verlieren in nur drei Tagen.

Obwohl das sicher wieder viel Planungsarbeit ist…

 

Älter werden ohne Alanis

30 Okt

In Berlin gibt es eine Musikerin, die ihr Programm „Älter werden mit Madonna“ nennt. Sie interpretiert Songs von Madonna und auf ihren Werbefotos sieht sie – natürlich mit Absicht – auch ein bisschen so aus wie Madonna.

Ich sehe nicht aus wie ein Popstar. Auch wie sonst kein Star. Ab und zu werden mir Ähnlichkeiten mit irgendwelchen unbekannten Schauspielerinnen aus US-Serien nachgesagt, aber dann hört das auch wieder auf. Das macht eigentlich nichts, weil ich ohnehin nicht gerne wie jemand anders aussehen würde. Das führt zu unnötigen Verwechslungen und das Arbeiten als Double finde ich eine wenig erstrebenswerte und tendenziell eher beschämende Form der Existenzsicherung.

Als ich Jugendliche oder junge Erwachsene war, hat es eine junge Amerikanerin in die Charts geschafft: Alanis Morisette. Sie war einige Jahre älter als ich und wirklich cool. Und sie war berühmt und beliebt, sie hatte wallend langes Haar (wie ich in diesen Jahren auch). Und sie hatte einen komischen Indie-Tanzstil, ein Un-Stil, der so seltsam war, dass er schon wieder cool war. Sie war bekannt, auf Tour und echt erwachsen. Ich wollte so toll singen wie sie und mit meinen wenigen Akkorden auf der Gitarre stimmte ich regelmäßig laut singend ihren Hit an: „It’s like rääääiiiiiääääin on your wedding day….“ und laut ertönte meine jugendliche Verwunderung über die Ironie des Lebens, die mit dem Liedtext einen passenden Ausdruck gefunden hatte (wenn man nicht so besonders gut Englisch kann… und das war bei mir damals der Fall).

Ich habe schon lange nicht mehr an Alanis Morisette gedacht als ich neulich an einem Plakat vorbeikam. Ich bin einige, wirklich einige Jahre älter geworden und mein Musikgeschmack hat sich seit damals ziemlich verändert. Wenn man sich Fotos von mir ansieht von damals und von heute und meinetwegen auch ein paar von dazwischen, sieht man deutliche Unterschiede. Prozesse des Reifens, der Veränderung und des Älterwerdens natürlich auch. Das ist ok so, ich möchte nicht mehr so aussehen wie zu Abiturzeiten. Und nun stand ich also neulich vor einem Alanis Morisette-Plakat und stellte fest: Alanis ist um keinen Tag gealtert. Sie sieht immernoch genauso wie damals aus. Sie hat keine einzige Krähenfuß-Falte am Auge, keinen Reifeprozess im Gesicht – nichts! Bei ihr ist die Zeit stehengeblieben. Sie ist jetzt viel, viel jünger als ich!

Das gibt mir zu Denken. Was sagt das über sie als Person aus? Und was über ihre Musik? Zu befürchten ist auf jeden Fall, dass sich auch hier nicht viel entwickelt und verändert hat.

Ich werde es vermutlich nicht herausfinden. Ich werde mir keine Konzertkarte kaufen. Das Risiko ist mir zu groß, dass ich inmitten lauter jugendlicher Alanisses stehe und von allen Seiten ins Ohr gebrüllt bekomme: „It’s like rääiiiiäääään….“