RSS
 

Verlieben

14 Jul

März 2011

Ich bin nicht mehr neidisch auf die Sonntagspaare. Die Zeiten des sonntäglichen Neids auf sonntägliche Zweisamkeit in der Öffentlichkeit sind vorbei. Zum einen ist mir in zunehmendem Maße aufgefallen, dass gar nicht alle Paare so wirklich richtig glücklich aussehen. Ganz im Gegenteil: Es gibt ziemlich viele, die den anderen und scheinbar noch nicht mal sich selbst vorspielen möchten, sie seien ein glückliches Feiertagspaar. Sie sitzen sich schweigend im Straßencafé beim gemeinsamen Frühstück gegenüber und rühren mit starrem Blick in ihren Milchkaffeetassen. Und das Schweigen hört man noch sehr deutlich auf der anderen Straßenseite, es schallt herüber, wenn man vorbeigeht. Und die Blicke der Rührenden – in den Kaffeetassen! – ist ganz nach innen gerichtet, wie um nicht das Gegenüber ansehen zu müssen, sowie gleichzeitig auch nach außen, weit weg, in die Ferne starrend.

Ich gehe erleichtert vorüber und bin von Herzen froh, nicht einen Sonntag in dieser Stimmung verbringen zu müssen. Wie gerne gehe ich doch einfach alleine spazieren! Und lese alleine ein Buch im Café. Oder treffe mich mit anderen, mit denen ich dann anders Zeit verbringe, z.B. redend, lachend.

Weshalb ich aber nun wirklich keine Neidgefühle mehr habe, hat noch einen anderen Grund als den der Erleichterung: Ich werde mich auch verlieben! Woher ich das so genau weiß? Nun, ich habe es höchstpersönlich beschlossen, da sollte es niemanden wundern, dass ich darüber bestens informiert bin…

Und dann, wenn ich dann verliebt bin, werde ich es andauernd – und insbesondere sonntags – dermaßen raushängen lassen, dass alle vor Neid erblassen. Nein, mehr noch: vor Blass erneiden! Ich werde derart offensiv und sichtbar glücklich sein, dass sich alle grämen, schämen, wundern, umgucken werden – jawohl! Ich werde so glücklich sein, dass ich abends zu dem geliebten Menschen sagen muss: „Puh, ich muss jetzt wirklich schlafen, ich muss endlich meine Mundwinkel vom Lächeln ausruhen!“ Ich werde so glücklich sein, dass sich die Menschen auf den Straßen und Plätzen umdrehen und uns staunend nachblicken. Selbst die streitenden Sonntagspärchen mit Tränen in den Augen oder Wut in der Stimme werden verstummen und uns ansehen möchten, weil wir so glühen.

Vielleicht werde ich einen Arzt aufsuchen müssen, um untersuchen lassen, ob die Überproduktion von Glückshormonen schädlich für irgendwelche Organe ist. Vielleicht werde ich nie mehr einkaufen gehen, weil ich herausfinde, dass es tatsächlich möglich ist, von Luft und Liebe zu leben. Und sonntags, da machen wir lange Spaziergänge zu zweit und die Menschen, an denen wir vorübergehen, bekommen etwas ab von unserem Verliebtheitsglühen. Und wir glühen durch den Nachmittag und alle, an denen wir vorbeigehen, beginnen auch ein bisschen, rote Wangen zu kriegen und ein kleines Lächeln und ein schönes, sanftes Ziehen im Bauch und ein ganz klein bisschen Melancholie, weil alles so schön ist. Und dann ziehen wir einen kleinen Verliebtheitsnebel wie ein Flugzeug eine Spur im Himmel hinter uns her und alle, die ihn einatmen, erhaschen noch ein Fünkchen Verliebtheit. Man wird sich wundern in der Klatschpresse, warum alle so gut drauf sind. „Berliner neuerdings optimistischer eingestellt“ und „All you need is love: Neuer Werte-Trend in der Hauptstadt“ werden Überschriften in der Regionalpresse und den Wurfsendezeitungen sein. Sollte Euch eine derartige Entwicklung auffallen in den nächsten Wochen, dann wisst Ihr es: Es ist passiert! Ich habe mich verliebt. Und alle, alle dürfen teilhaben. Besonders sonntags…

 

Leave a Reply