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Get Mail

14 Jul

30.06.2011

Ich benutze seit gestern Thunderbird. Vorher hatte ich ein anderes Mailprogramm. Nun habe ich entdeckt – und es ist nicht einfach, viel zu entdecken, wenn man eine derartig langsame Internetverbindung wie ich dieser Tage hat – dass es einen sehr interessanten Button gibt. Darauf steht: „Get mail“.

Da sieht man gleich, dass es sich um ein ausgezeichnetes Mailprogramm handelt! Da hat sich endlich jemand mal so richtig Gedanken gemacht. Denn nicht jeder kann gleich viel mit so einem Mailprogramm anfangen. Genau genommen können nur diejenigen Personengruppen etwas mit sämtlichen Funktionen eines Mailprogramms etwas anfangen, die überhaupt E-Mails erhalten. Und daran haben die schlauen Köpfe bei Thunderbird gedacht! Das ist bemerkenswert, beim Microsoft Outlook kann man lange nach einer so praktischen und alle Nutzergruppen einschließenden Funktion suchen.

Jetzt ist es schon recht spät in der Nacht und eigentlich will ich auch schon länger schlafen gehen. Ich habe mich jetzt noch ein bisschen im Internet beschäftigt, was gerade aufgrund beschriebener Geschwindigkeit gar nicht so einfach ist und will schon länger mein Mailprogramm schließen. Eigentlich, denn andererseits hatte ich gerade eine recht interessante Konversation per Mail mit einer recht interessanten Person und nun hätte ich gerne nochmal eine Antwort auf meine letzte Nachricht. Ich weiß, es wird jetzt keine Nachricht mehr kommen, weil die interessante Person und ich uns schon ein Weilchen kennen und da weiß ich, ob da nochmal was kommt und weiß also jetzt: nein. Alleine, weil ich das gerne hätte. Das spricht dagegen, mein Nachrichtenempfangswille und die Frequenz der darauf folgenden Nachrichteneingänge von Seiten der betreffenden Person verhalten sich anti-proportional. Kann man also nichts machen, dachte ich mir gerade. Bis ich dann eben besagten Button entdeckte. Der gab mir neue Hoffnung. Scheint ja also plötzlich, als könne ich, ungeachtet der Tatsache, dass es sich um eine Konversation mit betreffender anti-proportionaler Kontaktverhaltensperson handelt, mittels einfachster technischer Anwendungen selbstbestimmt und autonom Mails empfangen, wann immer ich welche empfangen möchte. Das ist wirklich herrlich, denn auch der Umkehrschluss ist wirklich reizvoll: Wenn ich gerade keinerlei Nachrichten erhalten möchte, dann kann ich das auch verhindern, indem ich den Button nicht drücke. Ich sehe das paradiesische Szenario eines freien Sommers vor mir!

Nun allerdings, obgleich jetzt mitten im Sommer ist, mittiger kann es kaum werden, so lau ist die Nacht, möchte ich doch gerne noch eine Nachricht erhalten. Kein Problem, so dachte ich. Muss ich doch schließlich nur den Button drücken. Gedacht, getan. Mehrfach. Noch mehrfacher. Und!? NICHTS! Absolut nichts. Ok, jetzt, wo ich diesen Text schreibe, habe ich eine Nachricht erhalten, allerdings etwas völlig anderes. Und da habe ich außerdem gerade gar nicht geklickt. Weil ich ja hier getippt habe. Nicht im Mailprogramm etwa!

Eine Frechheit! Was für Blender, diese Thunderbird-Vertreter! Welche unfähigen Programmierer haben die denn bitteschön angestellt!? Erst so eine kongeniale Erfindung machen und dann es nicht programmiert kriegen! Das ist ja wohl das letzte. Dabei tummeln sich diese Programmierer doch nur so auf dem Arbeitsmarkt. Bzw. dem Arbeitslosenmarkt. Da muss es doch mal irgendjemand geben, der ein bisschen was von seinem Handwerk versteht und seine Ideen auch umsetzen kann. Nur weil es sich um Freeware handelt, muss man doch nicht gleich derart am Personal sparen!!!

Ich bin empört und überlege, das Mailprogramm zu wechseln. Zu einer Software, die hält, was sie verspricht. Wenn sie dann wahrscheinlich eben auch nicht möglich macht, dass die interessante Person sich jemals meldet, wenn ich das möchte. Schade eigentlich, es sah so gut für mich aus…

 

Beschwerdebrief ans Universum

14 Jul

Berlin, 21.04.2011

Liebes Universum,

jetzt muss ich echt mal ein Wörtchen mit Dir reden! So geht es einfach nicht weiter. Ich habe jetzt schon mehrfach, MEHRFACH genau gesagt, dass ich gerne mehr Sex hätte. Und? Was ist los seit Wochen und gar fast Monaten, wenn ich jetzt mal korinthenkackerisch werde!? Hä?!

NIX UND WIEDER NIX!

Schon letztes Jahr im Juli auf der Rückreise aus Italien hatte ich mir wen bestellt. Wo ist denn die Lieferung hängengeblieben, bitteschön? Vielleicht solltest Du den Zulieferer wechseln, mein Akkordeon von Thomann kam mit DHL binnen nur 3 Tagen! Amazon ist übrigens auch schneller! Ganz zu schweigen von den Bestellungen bei meinem Buchladen! DARAN könntest Du Dir mal ein Beispiel nehmen! DAS ist die Art von Service, die mir da so vorschwebt!

Ok, dann mache ich jetzt nochmal klar, was ich will. Also. Es geht immernoch um Sex, der fehlt nämlich immernoch. Bzw. wieder. Naja, das tut ja nix zur Sache, also. Sex hätte ich gerne, und zwar was von der guten Sorte. Qualität. Aber eben auch Quantität, aber nicht alleine, also gut und viel! Mit wem Gutaussehendes! Geschlecht eigentlich egal, Männer find’ ich toll, aber da will ich mal nicht so pingelig sein.

Und dann Verlieben! Das geht jetzt entweder als Extrabestellung (dann aber auch mit Sex mit dabei), ersteres erstmal liefern und dann noch Verlieben hinterher ist ok. Oder gleich beides auf einmal, das wär auch gut. Also, Verlieben auch in jemand Gutaussehendes. Mit Erwiderung des Gefühls. Das jetzt bitte echt mal notieren, ordentlich in Druckbuchstaben, sonst geht das wieder unter und hinterher heißt es „Missverständnis“ oder „Kommunikationsproblem“. Also ERWIDERTE Verliebtheitsgefühle! Und dann Beziehung! Beiderseits gewollt! Das ist jetzt auch wichtig: beiderseits! Ja, hast Du Dir das jetzt aufgeschrieben?! Da lasse ich mich jetzt nicht auf ein „Das kann ich mir auch so merken, das brauche ich nicht aufschreiben“ ein, diesmal nicht! Beiderseits gewollte Beziehung, mit ein- und derselben Person!

Bevor ich an der einen Seite fast betteln müsste und woanders wieder abwehren, das ist doch kein Zustand, das ist doch eine Frechheit, wie kann man das zulassen, wenn man Deinen Posten hat! Da muss man sich doch irgendwann mal moralisch verpflichtet fühlen, dagegen anzugehen. Dieses Elend, alle sind unglücklich! Aber nein, nix da! Wird alles immer so gelassen, außer für kurze Zeit, sind alle mal wieder glücklich und nächste Woche triffste die gleichen Leute mit verheulten Augen wieder! Und jetzt komm mir nicht mit Inspiration für die Kunst und wie der Blues sonst hätte entstehen sollen und überhaupt, davon will ich jetzt nix hören! Es gibt genug Kunst. Ich wohne schließlich in Berlin, was es da Kunst gibt! Da wird es doch wohl wirklich nicht schaden, wenn ich – und dann noch jemand – mal aufhöre für ne Weile mit den Depressionen! Das fällt doch überhaupt nicht auf bei den ganzen hier… guck Dich doch mal um hier in Kreuzberg oder Neukölln und im Wedding fängt das auch schon lange an, alles Künstler, alle den ganzen Tag unterwegs, alle total digital Bohȇme und alles, da kann ich mich doch auch bitteschön mal kurz verlieben und entspannen, oder!? Und halt noch wer. Muss ja kein Künstler sein, der dann wegfällt, aber warum nicht? Kann ja ein eh erfolgloser Künstler sein z.B. oder was, was Dir nicht so gefällt. Na, mir sollte es halt schon gefallen. Ach, das hab ich vergessen übrigens, das passt jetzt hoffentlich noch auf den Zettel:

Schlau soll der schon auch sein! Und interessant! Und kommunikativ, also jetzt nicht pausenlos reden (ich mag es nicht, wenn zwei immer gleichzeitig sprechen und ich rede ja schließlich schon die ganze Zeit), aber jetzt jemand, der über sich und Konflikte und so redet. In meinem Alter ungefähr wäre von Vorteil. Wenn er im Haushalt Dinge erledigt, wäre das angenehm. Und jetzt nicht antifeminist…ach, schlau hab ich ja schon geschrieben.

So, ich hoffe, das hast Du jetzt notiert. Ich lege meinen Kalender aus, damit Du um meine Termine herum planen kannst. Ich würde ja gerne auch Zeit haben. Und gerade gehe ich immer so früh schlafen, könntest Du also vielleicht kurz ‘ne Sms schicken, wenn ich mich vor dem Weggehen lieber nochmal hinlegen soll, damit ich ausgeschlafen bin und mich den Rest der Nacht schön mit einem atemberaubenden Mensch herumwälzen kann? Danke, das wäre echt cool von Dir!

So, ich bin froh, dass ich das jetzt nochmal angegangen bin, das mit Dir zu klären. Dann klappt das ja hoffentlich in Zukunft besser mit unserer Kommunikation. Dann lass es Dir mal gutgehen, liebes Universum. Schöne Frühlingsgrüße aus der Hauptstadt schickt Dir S.

 

Putzen und Politik

14 Jul

25.04.11

Neulich mit Freunden im Park erwähnte ich, dass ich meine Wohnung dringend mal gründlich putzen müsste. Die anderen bestätigten das für die jeweils eigene Wohnung, wobei einer der Anwesenden andere Gründe als eine Ofenheizung oder allgemeine Faulheit als Ursache für die Verschmutzung vorzubringen hatte: Ihn hatte monatelang die Revolution in Ägypten verschluckt. Dementsprechend sähe seine Wohnung aus. Daraufhin begannen wir im Gespräch, die Zusammenhänge zwischen Putzen bzw. Sauberkeit und Politik zu durchschauen. Wir erkannten, dass eine sehr saubere Wohnung quasi als Indikator für apolitisches Verhalten gelten kann und dass eine solche somit weniger erstrebenswert ist als es vorher den Anschein hatte. Wer will schon als konterrevolutionär gelten? Dies warf weitere Fragen auf: Ist es aus feministischer Perspektive überhaupt zu vertreten, dass Frauen im 21. Jahrhundert noch putzen – noch dazu die eigene Wohnung? Und, wenn wir jeweils Antworten auf diese Fragen finden sollten, wie können wir dann eines Tages noch unsere Wohnung betreten? Soll es ein kollektives Putzen der einzelnen Wohnungen geben? Mehr Spaß würde es sicher machen, und nebenbei könnte über Befreiungstheorien diskutiert werden. Wobei ich wichtig finde, dass auf bestimmte grundlegende Prinzipien geachtet würden. Beispielsweise Judith Butler beim Herdputzen abzuhandeln fände ich blasphemisch. Nebenbei könnte die Internationale o.ä. mehrstimmig eingeübt werden. Vielleicht könnten derartige Veranstaltungen gar dazu dienen, zu politisieren. Indem, unter dem Vorwand der Hausarbeit, kollektiver Kampfgeist gestärkt wird. Das ist vielleicht schwierig zu verteidigen, aber es gibt doch derzeit schließlich auch linksradikale, queerfeministische Strickkollektive. Warum dann nicht Putzen als politischer Akt? Die Frage, woher man einer Wohnung nun ansieht, ob sie politisch oder konterrevolutionär geputzt wird, bleibt. Wie erklärt man beispielsweise seinen Gästen den sauberen Flur oder den blanken Herd? Und, mal abgesehen von der politischen Ebene – sollte eine Wohnung nicht auch die innere Einstellung zum Leben und zur Welt widerspiegeln können? Und wie verträgt sich dann eine staublose Stadtwohnung mit dem verruchten Rock’n Roll-Lifestyle der Digital Bohȇme? Die Fragen bleiben vielleicht bestehen und es gilt womöglich – immernoch und immer wieder – die Widersprüche auszuhalten. Und wahrscheinlich auch den sich reproduzierenden Dreck in der eigenen Wohnung.

 

Das böse S-Wort

14 Jul

05.01.11

Warum auch immer, zurzeit stolpere ich ständig über diesen einen Ausdruck: Single! Was ist das für ein Wort und wann fing es damit an? Anglizismen sind für viele Menschen ein Ärgernis, aber das trifft es nicht. Es ist nicht das vielgehasste ‚Denglisch’, dass mich daran stört. Es ist dieser Ausdruck an sich: SINGLE. Was soll das?

Vielleicht werde ich damit konfrontiert, weil ich jetzt nicht nur nicht Teilnehmerin an einer Zweierbeziehung bin (ob jetzt romantisch oder nicht ist Definitionssache – wahlweise der Beziehung oder des politischen Standpunktes der involvierten Personen), sondern auch neuerdings und erstmalig alleine wohne. Ja, ein sogenannter SINGLEhaushalt also. In diesem SINGLEhaushalt lebe ich also als der bzw. die (gibt es an dieser Stelle eine weibliche Form?) SINGLE in meiner SINGLEwohnung mein SINGLEleben. Das hört sich womöglich sehr viel aufregender an als es in echt ist. Das ist aber nicht der Punkt. Denn würde man mir beispielsweise ein aufregend-abenteuerliches Leben nachsagen, oder ein typisches Künstlerszene-Dasein oder eine unkonventionelle Existenz, so würde ich mich wahrscheinlich nicht zur Aufklärung provoziert fühlen und auch nicht protestieren, selbst wenn die Tatsachen dem nicht entsprechen.

Nein, es ist dieser Begriff, der das ganze recht unglamourös erscheinen lässt. Ist es denn tatsächlich mangelnder Glamour? Es liegt eine Abwertung in dem Begriff: Single – jemand, der nicht in der Lage war oder ist, sich in eine Zweierbeziehung zu manövrieren. Oder: Single – jemand, der nicht anpassungs- oder beziehungsfähig genug ist, um sich auf einen (!) anderen Menschen einzulassen und dem natürlichen (!) Bedürfnis nach Familiengründung nachzukommen. Single – der nicht genug mit anderen Menschen umgehen kann, um ein gemeinschaftliches Leben zu teilen. Ein nicht anpassungsfähiges, mit leerem Kühlschrank und halbleeren Bierkästen bestücktes Einzelgängerwesen der unrasierten Sorte, ein Einsiedlerwesen, sich jeglicher Übernahme von Verantwortung widersetzend, eher nicht gesellschaftsfähig. Alkohol- und Drogenmissbrauch stehen an der Tagungsordnung, ein sinnentleertes, oberflächliches Leben wird mit vermeintlich guter Laune und vorgetäuschten sozialen Kontakten kaschiert.

Single – dieser Ausdruck schreit nach therapeutischer Intervention und sei es in Form einer speziell auf diese Spezie ausgerichtete Festivität – der Singleparty. Singlepartys sind Veranstaltungen für Menschen, die sich freiwillig als Single outen, diesen Zustand aber ändern möchten. Die Singlepartybesucher machen sich vorher recht hübsch zurecht, um bald nicht mehr Singlepartybesucher sein zu müssen. Sie besuchen Friseure, Kosmetikerinnen, Fitnessstudios. Sie besprühen und beschmieren sich mit diversen Kosmetika an verschiedenen Körperstellen und wählen ihre Kleidung bewusst aus. Sie stellen sich in die Singleparty-Schlange, lassen sich vom Singleparty-Türsteher mustern und mit einem Singleparty-Nummernschild versehen, schauen sich um, trinken vermutlich häufig andere Getränke als an anderen Abenden, schauen sich um, tanzen anders als an anderen Abenden, schauen sich um, horchen den aufgerufenen Nummern, wenn es darum geht, zu hören, welche Singlepartybesucher Nachrichten erhalten haben, schauen sich um (wahlweise enttäuscht oder freudig erregt). Über was unterhalten sich Singles auf Singlepartys mit Singles? Wahrscheinlich über das Ausüben eines Berufes, was schwierig ist in heutigen Zeiten und wohlüberlegt angegangen werden sollte, wie, kann man wahrscheinlich in einem Ratgeber mit einem Titel wie „Single-Smalltalk für Anfänger und Durchstarter“ nachlesen. Überhaupt kann man recht viel zum Thema nachlesen. An das Thema angrenzende Literatur aus der Laienpsychologie sind hier wahrscheinlich Bestseller, Sammy Molchos Körpersprache-Fibeln und Konsorten lassen grüßen. Sonst gibt es aber auch ?cat=4reichhaltige auf das Klientel zugeschnittene Literatur: „Wege aus der Singlefalle“, „Step by Step: In zehn Schritten Non-Single“, „Nie mehr Lonesome Cowboy“, „Ab jetzt sag ich nur: Schatzilein“ sowie „Vom Ich mit dem Du zum totalen Wir“, um nur einige einschlägige Titel zu nennen.

 

Kindergarten

14 Jul

Ich habe vor Jahren mal ein Theaterstück für Kindergärten gemacht. Das hat Spaß gemacht. Kindergartenkinder tun einfach, was man ihnen sagt und lachen sich bei jedem Quatsch schlapp, so leicht hat man’s sonst nie im Leben, für Action und gute Unterhaltung zu sorgen.

Ich selbst hätte ja auch einfach nie aus dem Kindergarten rausgehen sollen. Ich erinnere mich auch nicht daran, so richtig gefragt worden zu sein, ob ich das möchte, so dass man mir mal ordentlich die Konsequenzen nähergebracht hätte und so. Sonst hätte ich das bestimmt anders entschieden. Aber mir hat ja wieder keiner was gesagt! Das mit Schule und Studium und Ernst des Lebens ist ja alles schön und gut, aber irgendwie war doch alles um ein Vielfaches simpler und sorgloser damals. Und man hat die Dinge einfach geregelt, so wie Dirk Plamitzer, der zu mir kam und gesagt hat: “Wenn Du mich zu Deinem Geburtstag einlädst, dann heirate ich Dich auch.” Ich habe ihn eingeladen und auch schon weit über 15 Jahre nicht mehr gesehen, aber sollte mich das Gefühl überkommen, es wäre gut, zu heiraten, dann kann ich da doch auf was zurückgreifen. Etwas, das in einfachen Zeiten einfach geregelt wurde…

 

Verlieben

14 Jul

März 2011

Ich bin nicht mehr neidisch auf die Sonntagspaare. Die Zeiten des sonntäglichen Neids auf sonntägliche Zweisamkeit in der Öffentlichkeit sind vorbei. Zum einen ist mir in zunehmendem Maße aufgefallen, dass gar nicht alle Paare so wirklich richtig glücklich aussehen. Ganz im Gegenteil: Es gibt ziemlich viele, die den anderen und scheinbar noch nicht mal sich selbst vorspielen möchten, sie seien ein glückliches Feiertagspaar. Sie sitzen sich schweigend im Straßencafé beim gemeinsamen Frühstück gegenüber und rühren mit starrem Blick in ihren Milchkaffeetassen. Und das Schweigen hört man noch sehr deutlich auf der anderen Straßenseite, es schallt herüber, wenn man vorbeigeht. Und die Blicke der Rührenden – in den Kaffeetassen! – ist ganz nach innen gerichtet, wie um nicht das Gegenüber ansehen zu müssen, sowie gleichzeitig auch nach außen, weit weg, in die Ferne starrend.

Ich gehe erleichtert vorüber und bin von Herzen froh, nicht einen Sonntag in dieser Stimmung verbringen zu müssen. Wie gerne gehe ich doch einfach alleine spazieren! Und lese alleine ein Buch im Café. Oder treffe mich mit anderen, mit denen ich dann anders Zeit verbringe, z.B. redend, lachend.

Weshalb ich aber nun wirklich keine Neidgefühle mehr habe, hat noch einen anderen Grund als den der Erleichterung: Ich werde mich auch verlieben! Woher ich das so genau weiß? Nun, ich habe es höchstpersönlich beschlossen, da sollte es niemanden wundern, dass ich darüber bestens informiert bin…

Und dann, wenn ich dann verliebt bin, werde ich es andauernd – und insbesondere sonntags – dermaßen raushängen lassen, dass alle vor Neid erblassen. Nein, mehr noch: vor Blass erneiden! Ich werde derart offensiv und sichtbar glücklich sein, dass sich alle grämen, schämen, wundern, umgucken werden – jawohl! Ich werde so glücklich sein, dass ich abends zu dem geliebten Menschen sagen muss: „Puh, ich muss jetzt wirklich schlafen, ich muss endlich meine Mundwinkel vom Lächeln ausruhen!“ Ich werde so glücklich sein, dass sich die Menschen auf den Straßen und Plätzen umdrehen und uns staunend nachblicken. Selbst die streitenden Sonntagspärchen mit Tränen in den Augen oder Wut in der Stimme werden verstummen und uns ansehen möchten, weil wir so glühen.

Vielleicht werde ich einen Arzt aufsuchen müssen, um untersuchen lassen, ob die Überproduktion von Glückshormonen schädlich für irgendwelche Organe ist. Vielleicht werde ich nie mehr einkaufen gehen, weil ich herausfinde, dass es tatsächlich möglich ist, von Luft und Liebe zu leben. Und sonntags, da machen wir lange Spaziergänge zu zweit und die Menschen, an denen wir vorübergehen, bekommen etwas ab von unserem Verliebtheitsglühen. Und wir glühen durch den Nachmittag und alle, an denen wir vorbeigehen, beginnen auch ein bisschen, rote Wangen zu kriegen und ein kleines Lächeln und ein schönes, sanftes Ziehen im Bauch und ein ganz klein bisschen Melancholie, weil alles so schön ist. Und dann ziehen wir einen kleinen Verliebtheitsnebel wie ein Flugzeug eine Spur im Himmel hinter uns her und alle, die ihn einatmen, erhaschen noch ein Fünkchen Verliebtheit. Man wird sich wundern in der Klatschpresse, warum alle so gut drauf sind. „Berliner neuerdings optimistischer eingestellt“ und „All you need is love: Neuer Werte-Trend in der Hauptstadt“ werden Überschriften in der Regionalpresse und den Wurfsendezeitungen sein. Sollte Euch eine derartige Entwicklung auffallen in den nächsten Wochen, dann wisst Ihr es: Es ist passiert! Ich habe mich verliebt. Und alle, alle dürfen teilhaben. Besonders sonntags…